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# Nun zu den Unseren
- URL: https://www.yacubdavidsmith.com/nun-zu-den-unseren/
- Published: 2026-10-18T13:09:00.000Z
- Updated: 2026-10-18T13:09:00.000Z
- Author: yacub david smith
- Tags: Poetry, A Long Walk to Autumn

Wir fahren, die Füsse auf dem Gummiboden,  
den tausend Schuhe blank und stumpf zugleich gerieben,  
im fahrenden Wagen, wo für einen Augenblick  
unsre Spiegelbilder an den Scheiben blieben.  
Ein Mann mittleren Alters sieht uns an,  
dann sinkt sein Blick zurück ins Ungewisse,  
während der Zug hinab in die Tunnel fährt;  
gebürsteter Stahl und dicht gedrängte Schultern  
tragen uns nun unverhüllt—

Wir steigen auf, dem blassen Licht entgegen,  
das hohe gotische Gestein hebt uns  
hinauf zum Marienplatz.  
Neben uns ein alter Mann,  
eine Einkaufstasche aus Plastik in der Hand.  
Wir halten inne in der schmalen Gasse,  
betrachten Creme, Beige und lichtes Grau  
an den verzierten Fassaden,  
die dunkleren Rahmen ihrer Fenster,  
und suchen zwischen all den fremden Dingen  
nach einem Griff, der uns dazugehören lässt—

Am Ammersee atmen wir unter weitem Himmel,  
der See empfängt, was noch vom Licht  
des Nachmittags geblieben ist.  
Sie spricht mit den andern,  
die Stimmen finden mühelos zueinander,  
während ich dem langsamen Zug der Wolken folge,  
den kleinen Regungen in ihrem Gesicht,  
und jenen Funken suche,  
der ihre Augen leuchten lässt.

Die Wälder von Andechs nehmen uns auf,  
als hätten sie uns längst erwartet.  
Tief reichen ihre Wurzeln in die Jahre,  
die Zweige neigen sich dem Weg entgegen.  
Was wissen diese Bäume  
von allen, die hier vorübergingen,  
von jenen, die voll Hoffnung stiegen,  
und jenen, die ihr Leid hinaufgetragen?

Und oben, auf dem Hügel, an einem Tisch,  
brechen wir Brot und reichen Speisen weiter,  
die Gläser heben sich im Nachmittagslicht.  
Hände greifen über die Runde,  
ein leises Lachen wandert zwischen uns.  
Wir sitzen beinand,  
und nichts bedarf der Erklärung.

Ach, könnten meine Kinder ihre Flügel breiten  
und zu uns fliegen,  
um diese Luft zu atmen, bei uns zu sitzen,  
die stille Fülle eines Tisches zu erfahren,  
an dem kein Platz ein fremder ist.

In Aufham ruht das Land  
im sanften Schutz der Hügel,  
und bayerische Kinder, deren Lachen  
sich über den Morgen ergiesst,  
kommen uns nahe und rühren uns ans Herz,  
ihr junges Leben längst verwurzelt,  
wo wir erst eben angekommen sind.

Salzburg empfängt uns unter Regen,  
die alten Steine und die engen Gassen  
glänzen unter dunklem Himmel.  
Und später, in der Wärme eines Abends,  
ein Zimmer voller heller Gesichter,  
die Stimmen sammeln sich am Tisch,  
die kleinen Geschichten dieses Tages  
wandern von Hand zu Hand.

Irgendwo zwischen diesen Häusern,  
den Hügeln und den offenen Türen  
wächst ein Garten, den wir nicht gepflanzt.

Wir wenden uns nach Innsbruck,  
wo die Berge vor uns aufsteigen,  
das grosse steinerne Tor der Alpen,  
deren Gipfel schweigend hüten,  
was wir noch nicht wissen können.

Hier ist das Land, in dem wir Ruhe finden,  
die Täler, Wälder und das wechselnde Licht,  
die Höhen, zu denen unser Blick zurückkehrt,  
als hätten sie uns längst erkannt.

Doch wer vermag zu sagen,  
was uns die Jahre bringen,  
welche Wege sich noch öffnen,  
welche sich verschliessen,  
was uns die Zeit von ihren Gaben lässt?

Wenn nur, wenn sich die Jahreszeiten wenden  
und alle fernen Wege hinter uns liegen,  
wir uns noch immer finden dürfen  
unter demselben Himmel,  
beieinander—

München, Bayern und die Alpen — Oktober 2026